27.6.2026 Kessler-Dinner in Tankstelle

Kessler an einer Tankstelle erleben!
Wir trafen uns zum jährlichen Kessler Dinner an der Schell-Tankstelle in der Heilbronner Straße in Berlin, einem Ensemble aus den späten 20er Jahren, das nun ein Restaurant ist, ein sehr empfehlenswertes. Anja Götz hat die Imagination von Kessler an der Tankstelle mit ihrer Fotomontage, die die Menukarte zum Kessler-Dinner zierte, noch verstärkt.
Wahrscheinlich hat Kessler niemals selbst getankt. Tankstellenservice gab es in den 20er Jahren für die teure Kundschaft selbstverständlich und einen Chauffeur hatte er meistens auch. Wichtig war in seinem Leben vor allem, dass sich etwas bewegte, dass er selbst sich bewegte. Felix Brusberg erzählte von Kesslers Abenteuern mit dem Auto, womit der Graf sich auch auf diesem Gebiet als Pfeilspitze der Moderne zeigte und selbstverständlich Mitglied im exklusiven Berliner Automobilclub war.
An diesem heißen 40 Grad-Sommer-Abend sprachen wir vor allem über das Jahr 1926, in dem Kessler die sog. Goldenen 20er Jahre bis zum Anschlag erlebte. Karl-Heinz Paqué erinnerte an Kesslers Zusammenbruch im Juni dieses Jahres, der ihn durch monatelange Krankheit aus dem politischen, sozialen und fast überhaupt aus dem Leben katapultierte. Er musste seinen Seurat verkaufen, wurde gedrängt die Canitz-Gesellschaft zu verlassen, der er seit seiner Studienzeit in Leipzig angehört hatte. Das waren harte Schläge für den Mann, der Kommunikation und Verständigung zu einem seiner Lebensthemen gewählt hatte und es „für einen bedauerlichen Fehler (hielt), die wenigen noch bestehenden Bande zwischen Links u Rechts in Deutschland zu zerschneiden.“
Sabine Carbon erzählte vom Rausch der 20er Jahre, die in Berlin 1926 mit Josephine Bakers Auftritten (u.a. in Kesslers Wohnzimmer) und den Locarno Verträgen, die die deutsche Außen- und Innenpolitik sichtbar entspannten, einen sichtbaren Höhepunkt erreichten. Am Anfang des Jahres war der Galerist Paul Cassirer aus Gram über die Scheidung von Tilla Durieux an einem Suizidversuch gestorben und Kessler sollte die Grabrede halten. Danach reihten sich Frühstücke an Lunches, an Diners, an Partys und Orgien. In seinem Tagebuch vermerkt Kessler: Alles klagt über die unerhörten Anforderungen, die die fieberhafte Gesellschaften Fülle stellt. Frühstücke, Diners, mehrere Empfänge oder Bälle Tag für Tag u. Nacht für Nacht. Man kann nicht mehr durchhalten. Als Gegenbild die wirtschaftliche Depression. Die reichsten Leute wie Stumms, Henckels, Pless, Goldschmidt-Rothschilds halb pleite. Schließlich las Sabine Carbon noch aus Ihrem neuen Drehbuch über Kessler eine Szene vor: Kessler hat eingeladen und Polit- und Kulturprominenz erleben einen exzeptionellen Abend, an dem Josephine Baker um eine Skulptur von Maillol tanzt, Einstein die Vorzüge der Zahl 13 erörtert und der deutsche Außenminister Stresemann sich über Kesslers Hinterhauswohnung wundert. Die Zeiten haben sich geändert, die Republik scheint etabliert, nur an Details zeigt sich, dass dem Frieden nicht ganz zu trauen ist.
Vor dem Dessert erzählte Michael Reynolds von seinem neuen Projekt. Der Musikwissenschaftler hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, das die Entstehung des Rosenkavaliers, einer der meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts vor allem Kessler zuschreibt. Nun hat er ein Kessler-Ballett verfasst.

